Wenn Gefühle keinen Namen haben
Gefühle benennen. Das klingt einfacher als es ist. Die meisten von uns spüren zwar, dass da etwas ist. Aber welches Gefühl ist eigentlich gerade da? In meiner Arbeit nutze ich für diese Frage gerne Gefühlskarten, denn manchmal fällt es uns einfacher Worte zu finden, wenn wir eine kleine Hilfestellung an die Hand bekommen.
Bei der Frage, welches Gefühl gerade da ist, erlebe ich immer wieder, wie lang Menschen mit diesen Karten verweilen. Nicht weil das Gefühl fremd wäre. Sondern weil das Wort dafür fehlt bzw. durch die Vorlage verschiedener Gefühle erst die Nuancen von Gefühlen überhaupt bewusst wird. Ist es Wut, die ich gerade spüre oder doch eher Frustration oder Enttäuschung? Was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen Freude, Aufregung und Begeisterung?
Gefühle benennen – warum ist das so schwer?
Wir leben in einer Kultur, die uns früh beibringt, Gefühle zu managen, zu überbrücken, zu funktionalisieren. Ist doch nicht so schlimm. Kopf hoch. Wird schon wieder. Was gut gemeint ist, hat einen Nebeneffekt: Wir lernen, Gefühle schnell wegzusortieren, aber nicht unbedingt, sie wirklich wahrzunehmen.
Dazu kommt: Die meisten von uns haben nie gelernt, Gefühle zu benennen. Nicht wirklich. Wir kennen die großen, offensichtlichen: Freude, Trauer, Wut. Aber dazwischen liegt ein riesiges, oft namenloses Spektrum. Und was keinen Namen hat, ist schwer zu greifen. Schwer auszudrücken. Schwer mitzuteilen.
Das ist keine persönliche Schwäche. Es ist eine kollektive Lücke.
Warum es trotzdem wichtig ist
Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie nicht benennen. Sie suchen sich einen anderen Weg, durch den Körper, durch Unruhe, durch plötzliche Erschöpfung, durch das diffuse Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt.
Wenn wir einem Gefühl einen Namen geben, passiert etwas Merkwürdiges und gleichzeitig sehr Menschliches: Es wird greifbarer. Nicht unbedingt kleiner, aber weniger bedrohlich. Wir können uns dazu verhalten. Wir können entscheiden, was wir damit machen.
Benennen ist kein Luxus. Es ist ein Akt der Selbstwahrnehmung.
Eine Einladung
Ich möchte dich einladen, heute einmal innezuhalten. Nicht lange, eine Minute reicht.
Frag dich: Was fühle ich gerade eigentlich? Nicht was du denkst oder was du tun solltest. Sondern was da ist.
Vielleicht kommt sofort ein Wort. Vielleicht auch nicht und das ist genauso gültig. Der erste Schritt ist nicht das richtige Wort. Der erste Schritt ist die Bereitschaft, überhaupt hinzuschauen.