Von Abschlüssen, Neuanfängen und der Trauer, die mitschwingt

Es war ein ganz gewöhnlicher Moment. Kein Fanfarenstoß, kein großes Aufatmen. Nur ich, eine eingereichte Arbeit und eigentlich gar nicht mehr. Ich hatte von anderen Kommilitoninnen und Kommilitonen gelesen, dass dieser Moment der Abgabe so eine Erleichterung und Freude war, dass die Tränen geflossen sind. Bei mir war da einfach nichts und im ersten Moment kam der Gedanke: Vielleicht bin ich einfach kaputt.

Und dann habe ich in einem Gespräch ein paar Tage später realisiert, dass es eigentlich komplett logisch ist, wenn ich überlege, wie groß die Belastung zwischen der Deadline des Masterstudiums und dem Aufbau der Selbstständigkeit war. Gleichzeitig habe ich aber auch bemerkt, dass da noch etwas anderes ist, etwas dass ich einige Wochen nicht wirklich in Worte fassen konnte und mir dann wie Schuppen von den Augen gefallen ist: Ich verabschiede mich gerade von einem Lebensabschnitt und dabei schwingt einfach auch ein bisschen Trauer mit.


Abschlüsse sind meist auch Trauer. Etwas, das war, hört auf zu sein, auch wenn das Neue vielleicht bereits begonnen hat.

Natürlich kenne ich diese Erfahrung aus meiner Arbeit in der Trauerbegleitung: Übergänge sind selten nur Freude. Sie tragen beides in sich: Das Loslassen und das Ankommen, den Stolz auf das Erreichte und die Unsicherheit vor dem Unbekannten. Die Erleichterung und, ja, auch eine Art Trauer um das, was nun endet.

Beim Fernstudium ist das vielleicht noch einmal besonders: Es gibt keine Abschlussfeier, keinen gemeinsamen letzten Tag. Der Abschluss passiert leise, oft allein und genau darin liegt etwas, das sich anfühlt wie ein Verlust, den man erst benennen muss, um ihn wirklich zu spüren.

Mir ist mit diesem Ereignis wieder bewusst geworden, wie wenig wir gesellschaftlich über diese Art von Trauer sprechen. Über den Verlust von Strukturen, von Rollen, von Identitäten, die wir uns über Jahre aufgebaut haben. Sätze wie „Du hast doch endlich deinen Abschluss!" oder “Feier das schön und ordentlich” sind oft total lieb gemeint. Sie zeigen aber nur eine Dimension eines Abschlusses: Die Freude und zumindest unterschwellig das Gefühl, dass ein solcher Moment auch nur das in uns auslösen dürfte.

Ich möchte mit diesem Blog und auch mit seinwärts als Ganzes ein anderes Bild zeichnen. Eines, das Raum lässt für Ambivalenz. Für das Neben- und Miteinander von Gefühlen, die sich vielleicht widersprechen und doch beide ihre Berechtigung haben.

Mit seinwärts stehe ich am Anfang von etwas ganz Neuem und mit dem Masterstudium habe ich im selben Moment etwas abgeschlossen, was mich einige Jahres meines Lebens begleitet hat: Nebenberuflich zu studieren. Und ja, beides kann sich schön anfühlen, aber die letzten Monate hat es sich auch oft anders angefühlt.

Das ist natürlich nur meine Erfahrung und jede Person macht da sicherlich ihre individuellen Erfahrungen. Was ich damit letztendlich allerdings ausdrücke möchte ist: Alles darf sein und wir dürfen unseren Blick weiten, sowohl für mehr gute Seiten und Gefühle als auch für die eher negativen, die oft verborgen bleiben.

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Wenn Gefühle keinen Namen haben

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