Gefühle in der Trauer

Wenn wir an Trauer denken, haben die meisten von uns ein bestimmtes Bild vor Augen: Tränen. Schwere. Stille. Vielleicht das Vermissen, das in Wellen kommt. Was wir dabei oft vergessen: Trauer ist selten so ordentlich. Sie bringt Gefühle mit sich, die wir uns manchmal gar nicht erlauben würden, weil sie nicht in dieses Bild passen.

In meiner Arbeit als Trauerbegleiterin begegne ich diesen Gefühlen regelmäßig. Und ich erlebe, wie viel Energie Menschen dafür aufwenden, sie zu verstecken oder wegzuerklären. Dieser Blogpost ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.

Ambivalenz, wenn Gefühle sich widersprechen

Eine Frau, die ich vor kurzem begleitet habe, beschrieb den Verlust ihres Mannes so: „Ich vermisse ihn so sehr. Und gleichzeitig bin ich so wütend auf ihn." Sie stockte kurz und fügte dann leise hinzu: „Darf ich das überhaupt?"

Ambivalenz in der Trauer bedeutet: Zwei Gefühle, die sich eigentlich ausschließen sollten, existieren gleichzeitig. Vermissen und erleichtert sein. Liebe und Wut. Trauer und Dankbarkeit. Aus meiner Sicht ist das kein Widerspruch. Es ist menschlich und darf sein. Und es ist viel häufiger vorhanden als wir denken.

Gleichgültigkeit, wenn gar nichts kommt

Vielleicht noch schwerer zu tragen als die großen Gefühle ist manchmal das Ausbleiben von allem. Menschen sitzen mir gegenüber und sagen: „Ich fühle gar nichts. Ist das normal?"

Ja. Das Ausbleiben von Gefühlen ist eine sehr reale Reaktion auf Verlust, manchmal ein Schutzmechanismus, manchmal einfach eine Stille, die ihren eigenen Platz braucht. Es bedeutet nicht, dass man nicht trauert. Es bedeutet nicht, dass man nicht geliebt hat. Es bedeutet, dass der Körper und die Psyche gerade auf ihre eigene Art verarbeiten.

Neid auf die, die einfach weiterleben

Neid ist ein Gefühl, das in der Trauer kaum je ausgesprochen wird. Und doch ist er da: auf Freunde, die unbeschwert leben, auf Menschen in der Bahn, die lachen, auf alle, die nicht tragen, was man selbst gerade trägt.

Das ist kein schlechter Charakter. Das ist der Schmerz darüber, dass die Welt einfach weiterläuft, während man selbst stillsteht und trauert. Und auch das darf sein.

Erleichterung über die eigene Normalität

Irgendwann lacht man wieder. Irgendwann genießt man einen Abend, ein Gespräch, einen Moment. Und dann kommt oft sofort dieser Gedanke: Darf ich das? Darf ich glücklich sein, während ich trauere?

Dieses Gefühl ist eines der häufigsten, die mir in der Begleitung begegnen. Als wäre Trauer eine Pflicht, die man ununterbrochen erfüllen muss. Dabei ist das Lachen kein Verrat. Es ist ein Zeichen, dass das Leben weitergeht, auch wenn man Trauer.

Enttäuschung, wenn das Umfeld wehtut

„Du musst jetzt stark sein." „Die Zeit heilt alle Wunden." „Er wäre nicht gewollt, dass du so leidest." Gut gemeint und dennoch schmerzhaft, weil solche Sätze das Gefühl vermitteln: So, wie du gerade bist, ist nicht in Ordnung.

Die Enttäuschung über Menschen, von denen man sich Halt erhofft hat und stattdessen einen ungebetenen Ratschlag bekommen hat, ist ein sehr reales Gefühl in der Trauer. Und ein sehr einsames dazu, weil man sich oft schämt, es zu empfinden. Man möchte dankbar sein für die Anteilnahme. Und trotzdem tut es weh.

Was all diese Gefühle gemeinsam haben

Sie sind alle berechtigt. Nicht trotz der Trauer, sondern als Teil von ihr. Trauer ist kein geordneter Prozess mit vorgeschriebenen Gefühlen. Sie ist so individuell wie der Mensch, der trauert.

Und vielleicht liegt genau darin eine Einladung an uns alle: Nicht nur an Menschen, die gerade trauern, sondern an uns als Gesellschaft. Wie viel Raum geben wir Gefühlen, die nicht ins Bild passen? Wie schnell urteilen wir, über andere oder über uns selbst, wenn Trauer sich nicht so anfühlt wie erwartet?

Wenn wir anfangen, Gefühle weniger zu bewerten und mehr zu verstehen, entsteht etwas, das Trauernde oft am meisten brauchen: das Gefühl, mit dem was sie fühlen, nicht falsch zu liegen. Nicht erklärt werden zu müssen. Einfach da sein zu dürfen – mit allem, was da ist.

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Wenn Gefühle keinen Namen haben