Trauer und ihre Wege
Im August habe ich mir bewusst eine Pause genommen. Das erste Halbjahr 2026 hatte einiges zu bieten: Meinen Masterabschluss, der Beginn meiner Selbstständigkeit, die Eröffnung meiner Räumlichkeiten, die ersten Begleitungen und viele weitere kleine und große Entscheidungen. Es war viel und das habe ich sowohl mental auch als körperlich gespürt. Lange habe ich mich auf den Urlaub gefreut, denn es ging an meinen Sehnsuchtsort: die Nordsee.
Eines Abends saßen wir in einem Restaurant. Ich blicke aufs Watt und dann nehme ich den nachfolgenden Spruch, welcher mir gegenüber auf der Wand stand, bewusst wahr:
Ich kann es gar nicht anders beschreiben: In dem Moment, in dem diese Worte innerlich bei mir ankamen, hat sich für mich ein Bild ergeben. Das Bild des Weges, was es in der Trauer sicherlich in vielen Variationen gibt. Ich habe allerdings gespürt, wie sehr ich mit dieser Metapher verbunden bin, denn wenn ich meine Bildergalerie betrachte, dann fotografiere ich (außer meinem Hund…) unglaublich gerne Wege. Wege, die manchmal ganz unscheinbar sind, Wege, die abzweigen, Wege, die imposant und wunderschön sind. Und dann sprudelte es innerlich so in mir, dass ich mich bei meiner Familie entschuldigt habe, dass ich noch während des Essens mein Handy raushole und die Gedanken, die da waren, einfach aufschreiben musste und nun mit euch teilen möchte.
Wege als Bild für Trauer
Was mich an Wegen fasziniert: Eigentlich sieht kein Weg so aus wie der andere. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten: natürlich gibt es da zunächst Geraden, Abzweigungen, Bögen und Ecken, dann aber auch kleinere oder größere Hindernisse, Anstiege, Abfahrten, viel oder wenig Vegetation, Asphalt, Sand, Holz und so weiter. Je nach Untergrund sind die Wege weich oder holprig, manchmal führen sie an ein Ziel, was ich bereits sehe, manchmal ist es ganz ungewiss. Manche Wege wurden bewusst errichtet, andere entstehen erst durch das mehrmalige Gehen, wie ein Trampelpfad. Manche Wege verwachsen und müssen regelmäßig frei geschnitten werden. Wege können durchs Dunkle führen oder durchs Licht.
Und genau das ist für mich Trauer: Kein Trauerweg gleicht dem einer anderen Person. Es gibt keine Abkürzung, aber auch keine vorgeschriebene Route, kein “hier muss ich jetzt lang”. Es gibt einfach nur den eigenen Weg und dieser fängt eben mit der Bereitschaft an, ihn zu gehen.
Nur wer sich auf den Weg macht
"Nur wer sich auf den Weg macht, wird neues Land entdecken." Es mag vielleicht hart klingen, aber wenn ich auf Trauer schaue, ist es genau das. Trauer ist oft wie ein (kleines) Monster, was sich in unser Leben schleicht, egal ob wir es möchten oder nicht. Wir werden dieses Monster aber nicht los. Wenn wir auf der Stelle stehen und warten, bis das Monster weitergeht, wird vermutlich nicht viel passieren, außer, dass es sich neben uns setzt. Es will meist nichts böses, sondern zeigt uns eigentlich wie tief die Verbindung zu einem Menschen oder Tier war. Und wenn wir uns auf den Weg machen, uns mit ihm beschäftigen, mit ihm Dinge klären und absprechen, dann kann aus meiner Sicht vielleicht eine, nennen wir es, Freundschaft entstehen. Eine Verbindung, die dem Monster nicht mehr so viel (negative) Macht über uns gibt. Oft braucht dies Zeit, lange Zeit und es ist normal, dass das Monster dabei immer mal wieder anklopft. Doch alles beginnt aus meiner Sicht damit, dass wir uns entscheiden, uns auf den Weg zu machen.
Auf dem Weg ist man nicht alleine
Begleitung bedeutet für mich: mitzugehen. Nicht vorauszulaufen, nicht zu schieben, nicht den Weg vorzugeben. Sondern da zu sein – Schritt für Schritt, so weit wie es gebraucht wird.
Und manchmal bedeutet Begleitung auch, einfach still nebeneinander zu gehen. Ohne Worte. Ohne Plan. Nur da zu sein, während (oder damit) jemand seinen eigenen Weg findet.
In meinem vorherigen Blogpost habe ich darüber geschrieben, was Begleitung alles bedeuten kann. Deshalb lade ich dich ein, dass du dir diesen gerne ebenfalls durchliest, wenn du möchtest.